Die Wahrheit - nichts als die Wahrheit Unsere Guestpost-Ecke ist eröffnet! Wir freuen uns, als erste Gastkommentatorin Frau Hölle beg...

Nackte Wahrheit

By | 21:05 Leave a Comment

Die Wahrheit - nichts als die Wahrheit



Unsere Guestpost-Ecke ist eröffnet! Wir freuen uns, als erste Gastkommentatorin Frau Hölle begrüßen zu dürfen. Und die sagt heute einmal nichts als die Wahrheit.


Das ist nicht Frau Hölle.
"Der Mensch lügt etwa 200 mal am Tag", dröhnt mir die Stimme des unangenehm berufsfröhlichen Radiomenschen entgegen, als ich mich heute Morgen ins Auto setze und am Weg zur Arbeit den obligatorischen Muntermach-Scheiß im Radio höre. Es ist 6 Uhr, meine Laune noch fünf Tassen Kaffee vor neutral. "Meistens tun wir das aus Höflichkeit", lässt mich der Moderator wissen. Ich nicke grunzend und denke unwillkürlich an Dr. Sheldon Cooper. Diesen sozialen Analphabeten aus der Serie "Big Bang Theory". Wie herrlich muss es sein, einfach immer sagen zu können, was man denkt, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Der Gedanke reizt das böse Mädchen in mir. Ich nehme die Herausforderung an und beschließe, für heute die Lügerei sein zu lassen.

Als ich eine Stunde später mit einem "Guten Morgen, vielen Dank, das ist aber nett" das Büro durch die Tür betrete, die mir mein ältlicher und schwitzender Kollege entgegenkommend aufhält, habe ich meinen Vorsatz zum ersten Mal gebrochen. Es ist mir A.) nämlich scheißegal, ob Schwitzers Morgen gut oder schlecht ist und B.) weiß ich, dass er mir die Tür nicht aufhält, weil er so nett ist, sondern weil er mir auf den Arsch glotzen will, der alte Spanner.

"Bin da!" kündige ich also an, als ich mich auf meinen Bürostuhl fallen lasse. Susanne kommt am Weg zur Kaffeemaschine an meinem Platz vorbei und will wissen: "Wie war dein Wochenende?" "Schön, danke. Und deins?" schreibt die gesellschaftliche Norm vor. "Nun, da du schon fragst... ich habe mich am Freitagabend so unglaublich aus dem Leben gesoffen, dass ich mich immer noch frage, was in der Nacht von Freitag auf Sonntag passiert ist. Muss mir jemanden aufgezwickt haben, heut Morgen hab ich ein gebrauchtes Kondom im Mistkübel gefunden. Oder irgendjemand Fremder hat in meiner Wohnung gevögelt. Keine Ahnung." Ich gucke unschuldig. Die Augenbrauen der Kollegin sind im Haaransatz (der mal wieder gefärbt gehört) verschwunden. Sie verfällt in Schnappatmung und huscht entsetzt davon.

Ich fahre den Computer hoch und finde eine Mail vom Chef: "Fräulein Hölle, bitte lesen Sie doch schnell mal über den angehängten Vertrag drüber!" steht da. "Sie haben keinen Schimmer von Rechtschreibung und Grammatik. Ihre Sätze bringe ich restfett wie ich bin, noch besser hin als Sie. 'Schnell' geht da also mal gar nichts. Außerdem habe ich keine Lust, bin verkatert", antworte ich, bevor ich mich auf den Weg zum Koffeinspender mache. Ich treffe meine Freundin Isabella in der kleinen Kaffeeküche an.

"Hey Isa, deine Schuhe sind ja heut echt mal hässlich. Die gehören verboten", rufe ich ihr von Weitem entgegen. Einige Kollegen recken neugierig die Köpfe, irgendwo klatscht jemand verhalten Beifall. Isabella wünscht sich wohl, samt ihren türkisen Crocs im Boden zu versinken. Noch bevor ich "Der Pulli is auch ganz schön eng" sagen kann, hat sie sich an mir vorbeigeschoben und ist mit wüsten Beschimpfungen abgedampft. 

Ich komme langsam in Fahrt. Dem Postboten sage ich, dass ich es nicht leiden kann, wenn er mich duzt, die Putzfrau weise ich darauf hin, dass sie den Lappen bewegen soll, um zumindest den Anschein zu erwecken, zu arbeiten, dem Botenjungen sage ich, wie knackig sein Hintern aussieht. Nun, der wenigstens freut sich. Kunde X bekommt auf die Frage, ob Kollege Bauer zu sprechen sei die ehrliche Antwort: "Jaaa, also der ist schon da. Aber als er Ihre Nummer auf dem Display gesehen hat, hat er Kotzgeräusche gemacht und mit den Armen gewedelt. Ich hör mir halt mal an, was Sie wollen, dann sehen wir ja, ob ich Ihnen helfen will."

Jaja, ich bin in Fahrt. Ich bin die Wahrheit in Person, fühle mich rein und erhaben über die profane Alltagslüge. Meine Seele ist friedlich, ich bin im Einklang mit mir selbst. Der Postbote hat zwar versucht, mich mit einem Paket zu erschlagen, die Putzfrau hat ihren Dreckslappen direkt über meiner Tastatur ausgeschüttelt, meine Lieblingsarbeitskollegin ist sauer auf mich, alle anderen hassen mich auch. Aber hey, es ist mir egal. Job habe ich nämlich auch keinen mehr. Trotzdem: ich habe es durch den Tag geschafft, und dabei nur einmal gelogen. Es ist zwar erst zehn Uhr morgens, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.





(c) vom Nicht-Frau-Hölle Bild wissen wir nicht; Urheber darf sich melden! (Der Mensch im Bild übrigens auch!)
Neuerer Post Älterer Post Startseite

0 Kommentare: